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Warum ich das Web 2.0 kritisch sehe

Was ist das Problem?

Seit ich auf Twit­ter bin, fällt mir ver­stärkt auf, dass vie­le Leu­te dort ziem­lich unre­flek­tiert die „Seg­nun­gen” des soge­nann­ten „Web 2.0” fei­ern. Ich kann mich die­ser Zele­brie­rung nicht anschlie­ßen. Für mich ist das „Web 2.0” nichts als ein ziem­lich inhalts­lee­rer „Plas­tik­be­griff”.
Unter einem „Plas­tik­be­griff” ver­ste­he ich einen Begriff, dem es an der not­wen­di­gen Defi­ni­ti­ons­schär­fe fehlt und der belie­big bieg­bar ist. Genau so ein Begriff ist das „Web 2.0”. Man fin­det kei­ne ein­heit­li­che Defi­ni­ti­on dafür. Die einen defi­nie­ren es über tech­ni­sche Neue­run­gen, die ande­ren stüt­zen sich bei ihrer Defi­ni­ti­on dar­auf, dass es sich angeb­lich um ein neu­es sozia­les Phä­no­men im Inter­net han­deln soll. Als Bei­spiel für eine Defi­ni­ti­on, die bei­des umfasst, möch­te ich das Glos­sar von „Xing” zitie­ren:

Web 2.0 ist ein Ober­be­griff für neue inter­ak­ti­ve Tech­ni­ken und Diens­te im Inter­net, die die geän­der­te Wahr­neh­mung des Inter­nets sowie die Fokus­sie­rung auf inter­ak­ti­ve Online-Com­mu­nities berück­sich­ti­gen.”

(Quel­le: http://corporate.xing.com/deutsch/investor-relations/basisinformationen/glossar/)

Alter Wein in neuen Schläuchen

Die­se Defi­ni­ti­on ist zwar umfas­sen­der als die ande­ren, aber lei­der auch rich­tig und falsch zugleich. Rich­tig ist zwar, dass das „Web 2.0” sowohl durch sei­ne tech­ni­schen wie auch durch sei­ne sozia­len Eigen­schaf­ten wie inter­ak­ti­ve Online-Com­mu­nities geprägt wur­de. Falsch ist jedoch, dass das „Web 2.0”, wie auch die Ver­si­ons­num­mer im Namen sug­ge­rie­ren möch­te, etwas Neu­es dar­stellt. Weder aus tech­ni­scher noch aus sozia­ler Sicht ist das „Web 2.0” eine grund­le­gen­de Neue­rung, son­dern ledig­lich eine kon­se­quen­te Fort­ent­wick­lung des World Wide Web und des Inter­net.
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Aber schau­en wir uns die angeb­li­chen tech­ni­schen „Neue­run­gen” doch mal genau­er an. Unum­strit­ten dürf­te sein, dass die grund­le­gen­de Basis des „Web 2.0” AJAX ist. AJAX heißt aus­ge­schrie­ben „Asyn­chro­nous Java­Script And XML” und ist ein Kon­glo­me­rat aus ver­schie­de­nen Tech­no­lo­gien, pri­mär Java­Script und XML. In der Pra­xis kom­men natür­lich auch HTML, CSS und gele­gent­lich auch PHP oder ande­re ser­ver­sei­ti­ge Script­spra­chen bei der Ent­wick­lung von AJAX-Anwen­dun­gen zum Ein­satz.
Manch einer wird jetzt schon mit der Stirn run­zeln und sich fra­gen: „Was bit­te­schön ist dar­an neu?”. Und die­ses Stirn­run­zeln wäre durch­aus berech­tigt. Denn wenn wir uns anschau­en, wann die­se Tech­no­lo­gien ent­stan­den sind, erken­nen wir, dass sie alle aus dem alten Jahr­tau­send stam­men. Java­Script exis­tiert seit 1995, XML wur­de 1998 ent­wi­ckelt, das für AJAX not­wen­di­ge Docu­ment Object Model (DOM) ent­stand 1999/2000, wobei es bereits zuvor eine von Micro­soft ent­wi­ckel­te ähn­li­che Tech­no­lo­gie namens XmlHtt­pRe­quest gab. Hilfs­tech­no­lo­gien wie HTML, CSS oder PHP ent­stan­den eben­falls durch­gän­gig bereits in den neun­zi­ger Jah­ren des alten Jahr­tau­sends. Glei­ches gilt für Ele­men­te wie Flash oder RSS, die im „Web 2.0” eine gro­ße Rol­le spie­len oder – wie im Fal­le von Flash –  lan­ge gespielt haben. Fakt ist daher ent­ge­gen ande­rer Behaup­tun­gen, dass das „Web 2.0” tech­no­lo­gisch abso­lut nichts neu­es zu bie­ten hat!

Natür­lich mag man an die­sem Punkt ein­wen­den, dass sich die­se Tech­no­lo­gien erst wei­ter­ent­wi­ckeln muss­ten, um „Web 2.0”-Anwendungen zu erlau­ben, und dass erst ein­mal jemand auf die Idee kom­men muss­te, die­se Tech­no­lo­gien zu ver­bin­den. Bei­des ist rich­tig. So war es 1999, als das Java­Script-DOM, ent­stand, tech­nisch noch sehr schwie­rig bis unmög­lich, Web­an­wen­dun­gen zu schaf­fen, die Desk­top-Cha­rak­ter hat­ten. Mit den wei­ter­ent­wi­ckel­ten Tech­no­lo­gien ist das heu­te kein Pro­blem mehr. Das ändert aber auch nichts dar­an, dass die Tech­no­lo­gien an sich uralt sind.

Und was ist mit der zwei­ten Defi­ni­ti­on? Stellt das „Web 2.0” nicht doch eine neue sozia­le Ent­wick­lung im Web und im Inter­net dar? Kam es durch das „Web 2.0” zu einer „geän­der­ten Wahr­neh­mung” des Inter­net? Ich mei­ne nein. Ele­men­te wie Inter­ak­ti­vi­tät, star­ke Ver­net­zun­gen unter­ein­an­der und „User-gene­ra­ted Con­tent”, die laut die­ser und ande­rer Defi­ni­tio­nen angeb­lich das Neue beim „Web 2.0” aus­ma­chen, gab es im Inter­net schon lan­ge vor­her.

Außer­halb des erst 1993 ent­stan­de­nen World Wide Web gab es eine Ver­net­zung von Usern mit vie­len Ele­men­ten, die heu­te dem „Web 2.0” zuge­schrie­ben wer­den, schon wesent­lich frü­her, näm­lich im Inter­net Relay Chat, kurz IRC, das seit 1988 exis­tiert. Hier fand von Anfang an eine star­ke sozia­le Ver­net­zung statt, die in vie­len Fäl­len dazu führt, dass man sich auch außer­halb des Net­zes umein­an­der küm­mert. Das IRC hat Freund­schaf­ten und sogar Ehen her­vor­ge­bracht. Lan­ge Zeit war es üblich, dass grö­ße­re IRC-Chan­nel  regel­mä­ßi­ge Chan­nel­tref­fen ver­an­stal­tet haben. For­men der Kol­la­bo­ra­ti­on fin­det man bis heu­te, also fast 30 Jah­re nach der Ent­ste­hung des IRC, vor allem in Selbst­hil­fe- und Sup­port­chan­neln zu ver­schie­dens­ten The­men. „User-gene­ra­ted Con­tent” ent­steht bei­spiels­wei­se in Rol­len­spiel-Chan­neln oder auch in Chan­neln, die mode­rier­te The­men­chats anbie­ten und die­se auf­zeich­nen. Von vie­len bedeu­ten­den Ereig­nis­sen wie dem Sturz Gor­bat­schows oder dem Anschlag auf das World Tra­de Cen­ter exis­tie­ren bis heu­te IRC-Logs. Ich selbst habe die Ereig­nis­se am 11.9.2001 nicht im Web, son­dern vor allem im IRC ver­folgt und dabei vie­le Din­ge frü­her erfah­ren als man­che Nach­rich­ten­agen­tur. Das IRC wur­de dar­über hin­aus auch schon als Tausch­bör­se ver­wen­det. Lan­ge bevor P2P-Net­ze ent­stan­den sind, die immer als eines der Para­de­bei­spie­le für das „Web 2.0” benannt wer­den, wur­den im IRC ähn­lich wie im noch älte­ren Use­net Datei­en zwi­schen den Usern aus­ge­tauscht. Das wur­de und wird vor allem durch soge­nann­te DCC-Ver­bin­dun­gen (Direct Cli­ent to Cli­ent) ermög­licht, bei denen die Daten nicht über den zwi­schen­ge­schal­te­ten IRC-Ser­ver ver­schickt wer­den müs­sen.

Auf beson­ders ein­drucks­vol­le Wei­se aber kann man sozia­le Gefü­ge, die im Netz lan­ge vor dem „Web 2.0” ent­stan­den sind, in einem ande­ren noch wesent­lich älte­ren Medi­um beob­ach­ten. Damit mei­ne ich text­ba­sier­te Online-Rol­len­spie­le, soge­nann­te MUDs. Die ers­ten MUDs waren bereits 1985 online. Das bekann­tes­te deut­sche MUD ist sicher­lich „Unitopia”, das seit 1993 exis­tiert, also auch schon fast 30 Jah­re. Dort habe ich vie­le Din­ge erlebt, die mich im Sin­ne eines sozia­len Gefü­ges mehr beein­druckt haben als alles, was mir bis­her in soge­nann­ten „Social Net­works” des „Web 2.0” begeg­net ist. Als bei­spiels­wei­se im Jahr 2000 eine Spie­le­rin plötz­lich starb, fuh­ren nicht nur etli­che Spie­ler zu ihrer Beer­di­gung. Im Spiel wur­de auch ein vir­tu­el­les Grab für die­se Spie­le­rin ange­legt, zu dem sich in der Zwi­schen­zeit noch eini­ge ande­re Grä­ber eben­falls ver­stor­be­ner Spie­ler gesellt haben. Die­se Grä­ber wer­den von Spie­lern lie­be­voll gepflegt, indem sie regel­mä­ßig mit Grab­leuch­ten, Blu­men oder ande­ren vir­tu­el­len Gegen­stän­den geschmückt wer­den. Die­se indi­vi­du­el­le Gestal­tung einer vir­tu­el­len Umge­bung ist in mei­nen Augen eben­falls „User-gene­ra­ted con­tent”. Eine sol­che sozia­le Ver­bun­den­heit in „Unitopia” sucht man im „Web 2.0” oft ver­geb­lich. Kol­la­bo­ra­ti­ve Ele­men­te schließ­lich stel­len sogar eine Kern­funk­ti­on von MUDs dar, da Spie­ler im Spiel kol­la­bo­rie­ren müs­sen, um Auf­ga­ben lösen zu kön­nen.

Nun mag man natür­lich ein­wen­den, dass die­sen Bei­spie­len die Mul­ti­me­di­a­li­tät des Web oder des „Web 2.0” fehlt. Dies ist nur teil­wei­se rich­tig, denn für das IRC gab es zumin­dest Voice-Imple­men­ta­tio­nen, die sich jedoch nicht durch­ge­setzt haben, da vie­le User die text­ba­sier­te Kom­mu­ni­ka­ti­on bevor­zug­ten. Dar­über hin­aus konn­ten wie beschrie­ben auch Mul­ti­me­dia-Datei­en aus­ge­tauscht wer­den. Wie bereits erwähnt han­delt es sich bei die­sen Bei­spie­len nicht um web­ba­sier­te Anwen­dun­gen. Aber sowohl das IRC wie auch „Unitopia” waren schon sehr früh auch über Web­sei­ten erreich­bar.

Aber auch direkt im Web gab es schon lan­ge vor der Prä­gung des Begriffs „Web 2.0” Diens­te, die zumin­dest Ele­men­te des­sen ent­hiel­ten, was heu­te das „Web 2.0” aus­macht. Web-Foren wie das Hei­se-Forum exis­tie­ren bei­spiels­wei­se seit Mit­te der neun­zi­ger Jah­re. Wiki­pe­dia als Para­de­bei­spiel des kol­la­bo­ra­ti­ven Zusam­men­ar­bei­tens im Web gibt es seit dem Jahr 2000, ers­te Ideen dazu ent­stan­den gar schon im Jahr 1993 im Use­net. Ich per­sön­lich wur­de wäh­rend des Stu­di­ums schon Mit­te der neun­zi­ger Jah­re mit ers­ten For­men des kol­la­bo­ra­ti­ven Ler­nens und Zusam­men­ar­bei­tens über das Web kon­fron­tiert und bin im Jahr 2000 der ers­ten „Com­mu­ni­ty” bei­getre­ten, die sich in sozia­ler Hin­sicht nicht viel von heu­ti­gen „Social Com­mu­nities” unter­schied. All die­se Kom­mu­ni­ka­ti­on- und Inter­ak­ti­ons­for­men boten schon lan­ge vor dem „Web 2.0” ein Hohes Maß an Inter­ak­ti­vi­tät und Ver­netzt­heit sowie Mög­lich­kei­ten zur Kol­la­bo­ra­ti­on und zur Erstel­lung von „User-gene­ra­ted Con­tent”.

Für mich hat sich daher die Wahr­neh­mung des Web und des Inter­net seit 1994, als ich mei­ne ers­ten Schrit­te im Inter­net ging, nicht wesent­lich ver­än­dert. Ohne Fra­ge ist es rich­tig, dass sich die Din­ge mitt­ler­wei­le in gewis­ser Wei­se fort­ent­wi­ckelt haben. Wie oben bereits ange­deu­tet, sind desk­to­par­ti­ge Web­an­wen­dun­gen erst mög­lich, seit sich die not­wen­di­gen Tech­no­lo­gien ver­bess­sert haben. Auch die höhe­ren Band­brei­ten und Flat­rates ermög­li­chen eine Nut­zung des Inter­net, die vor­her nicht unmög­lich, aber deut­lich schwie­ri­ger war. Mei­ner Ansicht nach ist dadurch jedoch nichts neu­es ent­stan­den, was die Ver­si­ons­num­mer „Web 2.0” recht­fer­ti­gen wür­de. Ange­sichts des­sen und ange­sichts der Tat­sa­che, dass das „Web 2.0” auch lan­ge Zeit Pro­ble­me wie bei­spiel­wei­se man­geln­de Sicher­heits­kon­zep­te, man­geln­de Bar­rie­re­frei­heit oder man­geln­de Such­ma­schi­nen­taug­lich­keit auf­warf und teil­wei­se bis heu­te auf­wirft, deren aus­führ­li­che Behand­lung aber eines eige­nen Arti­kels bedürf­te, stel­le ich mir immer wie­der die Fra­ge, ob es nicht an der Zeit wäre, die „Seg­nun­gen” des „Web 2.0” ein wenig weni­ger zu fei­ern und dafür ein biss­chen mehr zu hin­ter­fra­gen. Das Inter­net bot uns vie­les von dem, was das „Web 2.0” angeb­lich an neu­em gebracht haben soll, schon sehr lan­ge und zudem noch auf eine Art und Wei­se, die ich wesent­lich span­nen­der fin­de als so man­ches, was mir das „Web 2.0” bie­ten kann. Und das gilt 2020 genau­so wie 2008, als die­ser Arti­kel ent­stand.

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